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Digitalisierungsprojekt: Die Biomechanik Meyerholds

W.E. Meyerhold – einer der wesentlichen Theateravantgardisten des frühen 20. Jahrhunderts – entwickelte in den 10er und 20er Jahren mit seiner „theatralen Biomechanik“ in Russland eine neuartige Ausbildungs- und Spielmethode für Schauspieler und machte sie zur Grundlage einer Reihe von legendären, theaterhistorisch bedeutsamen Inszenierungen. Nach dessen HInrichtung im Jahr 1940 konnten nur wenige Künstler das Wissen um diese nunmehr verbotenen Schauspielmethode aufrecht erhalten unter ihnen Nikolaj Kustov. In Zusammenarbeit mit Gennadi Bogdanov, einem der Schüler Kustovs, entwickelte das Mime Centrum Berlin seit den frühen 90er Jahren Workshopformate für die Weitergabe und Anwendung der Methode Meyerholds.

Das Mime Centrum Berlin koordinierte ab 1991 die europaweite Organisation regelmäßiger und sich auf verschiedenen Leveln entwickelnder Arbeitsformate und theaterpraktischer Projekte zur theatralen Biomechanik (erste Arbeitsdemonstration 1991 im Berliner Ensemble), organisierte Workshops in Italien, Frankreich, Griechenland, Belgien und den Niederlanden sowie das erste internationale Arbeitskolloquium 1993 in Moskau.

Auf Initiative der Berliner Festspiele kam es 1995 im Rahmen der Ausstellung „Moskau – Berlin. Berlin – Moskau“ in Kooperation zwischen den Festspielen, der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin (HfS), dem Mime Centrum Berlin und Gennadij Bogdanov zur erstmaligen Anwendung der Methode in der zeitgenössischen Theaterpraxis. Unter der Regie von Thomas Ostermeier und Christian von Treskow – seinerzeit noch Studierende der HfS – entstanden zwei von der Theaterkritik einhellig und z.T. euphorisch gefeierte Inszenierungen. Seit dieser Zeit ist die Biomechanik Meyerholds ein immer wiederkehrendes Element in der Ausbildung aller Studiengänge der HfS Berlin.

1997 veröffentlichte das Mime Centrum Berlin gemeinsam mit Jörg Bochow Buch und Film „Das Theater Meyerholds und die Biomechanik“, im gleichen Jahr inszenierten Bogdanov und Thomas Ostermeier gemeinsam an der „Baracke“ des Deutschen Theaters Brechts „Mann ist Mann“ auf Basis der theatralen Biomechanik. Mit der Neubesetzung der Intendanz der Schaubühne am Lehniner Platz 1999 erfolgte durch Thomas Ostermeier und Gennadi Bogdanov ein einführender Trainingsprozess der Biomechanik für das neue Schauspielensemble, im Ensemble ist die Methode bis heute in der Anwendung. Das MCB organisierte über Jahre zahlreiche Projekte und Demonstrationen der Methode in Deutschland (Staatsoper unter den Linden, Schirn Frankfurt/M u.a.) und entwickelte zusammen mit Akteuren aus Manchester (Großbritannien) und Perugia (Italien) ein kleines europäisches Netzwerk praktischer Theaterarbeit, es entstanden und entstehen zahlreiche Inszenierungsprojekte.

Im Rahmen des seit 25 Jahren laufenden Projekts zur Rekonstruktion der theatralen Biomechanik entstand am MCB eine umfangreiche Materialsammlung, zum größten Teil bestehend aus audiovisuellem Material wie Betacam, VHS, S-VHS, DV-Cam, aber auch historischen Dokumenten.

Das Forschungs- und Kompetenzzentrum Digitalisierung Berlin (digiS) ermöglicht nun die Digitalisierung, Verzeichnung und Kontextualisierung der im ITI/MCB gesammelten Objekte zur theatralen Biomechanik Meyerholds. Ziel des Projekts ist es, einen umfassenden Einblick in diese Methode zu ermöglichen und dabei die in Berlin existierenden Wissensbestände zugänglich zu machen.